Immer tiefer werden die Sorgenfalten der Storebetreiber in vielen Kleinstädten. Gerade in ländlichen Regionen leidet der Einzelhandel sehr stark. Der Druck durch die großen Ketten, dem Online-Handel und die zunehmende Landflucht stürzen viele der Einzelhändler in einen handfesten Überlebenskampf. Die Kunden bleiben aus, die Einnahmen gehen zurück und ein Nachbar nach dem anderen muss die Pforten seines Stores schließen. Setzt sich diese Entwicklung fort, wird sich der stationäre Einzelhandel schon bald ausschließlich auf die Großstädte konzentrieren. Schon jetzt werden in Deutschland über 17 Prozent des gesamten stationären Umsatzes in den Top 10 Kreisen erwirtschaftet. Mit 4,38 Prozent ist der Stadtkreis Berlin mit großem Abstand der Umsatzstärkste Kreis Deutschlands. Dies zeigt, dass sich schon jetzt ein großer Teil des Einzelhandels in die Metropolen verlagert hat.

Storebetreiber in Kleinstädten unter Druck

Doch was ist eigentlich der Grund für die Landflucht der Einzelhändler? Natürlich spielt die starke Konkurrenz aus dem Internet dabei eine nicht unwichtige Rolle. Player wie Amazon, ebay und Co. machen es den Konsumenten möglich beinahe jeden Gebrauchsgegenstand im Internet zu bestellen. Darunter leiden besonders die Händler in den kleinen Städten, da hier ohnehin schon weniger Menschen als in den Metropolen leben. Doch auch diese finden in den Innestädten in ländlicher Gegend eher selten das gewünschte Angebot. Auch das Erlebnis beim Einkaufen ist nicht mit dem in einer der Großstädte zu vergleichen. Viele Innenstädte sind inzwischen in die Jahre gekommen, wirken dreckig und grau, was natürlich auch für die Einzelhändler die Situation nicht einfacher gestaltet. So schaffen es nur wenige Händler wirklich Kunden langfristig an sich zu binden. Zusätzlich haben die Städte auf dem Land ein deutlich kleineres Einzugsgebiet. Das bedeutet, dass sie im Gegensatz zu Händlern in Großstädten nicht auf Touristen oder Bewohner der umliegenden Ortschaften als Einnahmequelle setzen können. Aber auch der Druck der großen Player aus dem stationären Bereich macht den oft kleinen Boutiquen und Shops schwer zu schaffen. Gerade in der Modebranche schaffen es nur wenige Kleinunternehmer sich gegen die großen Ketten durchzusetzen. Doch auch diese ziehen sich aus den Kleinstädten immer weiter zurück und setzen weitestgehend auf Filialen in Großstädten.


Diese Entwicklung prägt das Stadtbild zahlreicher Kleinststädte. Ladenlokale stehen leer, der innerstädtische Handel kommt beinahe zum erliegen und Innenstädte schaffen es nur noch vereinzelt Besucher anzuziehen. Ein Kreislauf, da die Leerstände die Innenstädte auch für neue Einzelhändler sehr unattraktiv gestalten. Aus diesem Grund setzen viele Stadtverwaltungen inzwischen auf sogennannte Stadtmanager, die dafür verantwortlich sind die Innenstädte wieder zu beleben und neue Konzepte für den stadtinternen Einzelhandel zu entwickeln.

Leerstand immer präsenter

Auch in den Medien schlägt sich dieses Thema zur Zeit unübersehbar nieder. “Remscheid: Einzelhandel in Sorge” titelt die Rheinische Post, “Amazon und Co. als Ruin der lokalen Kleinstadtläden?” fragt sich der Donaukurier mit Bezug auf die Stadt Eichstätt. Schlagzeilen dieser Art sind zur Zeit keine Einzelfälle. Beinahe jeden Tag steht eine andere Kleinstadt mit einem neuen Ansatz gegen die Handelsflaute in den Medien. Doch auf welche Lösungen setzen die Stadtverwaltungen? Mit welchen Ideen lässt sich der Einzelhandel in den Kleinstädten tatsächlich wiederbeleben?

Die Lösungsansätze sind vielfältig

In den Städten, in denen diese Entwicklung noch nicht so weit fortgeschritten ist, heißt es zur Zeit vorallem “Vorsorge ist besser als Nachsorge”. Die Antwort auf die Konkurrenz trägt hier den Namen “Onlinecity”. Damit ist eine Online-Plattform speziell für lokale Produkte gemeint. Die Kunden können sich über die Plattform erkundigen welche Produkte es in welchem Laden zu kaufen gibt, welche bereits ausverkauft sind und welche Läden wann geöffnet haben. Oft ist es sogar möglich Produkte vorzubestellen oder sogar direkt nach hause liefern zu lassen. Durch diesen Ansatz nimmt die Stadt ihren Händlern die Bürde ab einen eigenen Online-Shop aufbauen zu müssen, um gegen die Konkurrenz zu bestehen. Zusätzlich ist es auf diesem Wege möglich die Bewohner online abzufangen und sie auf das lokale Angebot aufmerksam zu machen.

Doch auch der Online-Shop alleine macht die Innenstädte nicht ansehnlicher. Sanierungen sind nötig, um auch optisch wieder bei den Besuchern punkten zu können. Neue Gehwege, Fassaden, Sitzgelegenheiten und Grünanlagen lassen die Fußgängerzone moderner und einladender wirken. Guido Schmidt, Leiter des Sachgebiets Wirtschaftsförderung, Tourismus und Kultur der Stadt Brüggen, sieht diesen Ansatz als sehr vielversprechend. “Man sorgt dadurch dafür, dass die Fußgänger die Fußgängerzone nicht nur einmal auf und abgehen und wieder in ihr Auto steigen, sondern sich auch mal niederlassen.” Mit einem speziell für die Stadt Brüggen entwickelten Bank-Modell, will die Stadt es schaffen die Passanten zum Verweilen einzuladen und so zu dem ein oder anderen ungeplanten Kauf zu motivieren. Ein Pluspunkt, der sowohl neue Einzelhändler in die Stadt lockt wie auch die Passanten begeistert.

Ein von Erwin Blonk (@eblonk) gepostetes Foto am


Weiteren technischen Neuerungen sollten die Stadtverwaltungen trotzdem nicht verschlossen entgegenstehen. Zahlreiche Kunden fordern schon seit Jahren kostenfreies WLAN in den Innenstädten, um auch beim Shoppen problemlos online verknüpft zu bleiben. In den meisten Großstädten ist dies auch bereits möglich. Das Selfie aus der Umkleidekabine und das Foto der neuen Errungenschaften gehören längst zum modernen Shopping dazu. Auch elektronische Stadtführer, die am Wegesrand stehen, können den Besuchern helfen sich zu orientieren und das gewünschte Geschäft oder die gesuchte Sehenswürdigkeit schnell zu finden.

Events halten Einzug in die Innenstädte

Einen weiteren spannenden Ansatz verfolgen zahlreiche Städte mit dem Thema Events in der Innenstadt, um ein neues Publikum anzuziehen. Guido Schmidt erzählt im Interview von verschiedenen Festen in Brüggen, wie der Kirmes und dem Brüggener Stadtfest. “Wir haben neben den etablierten Festen in den letzten Jahren aber auch bewusst drauf gesetzt ein neues Klientel für Brüggen zu interessieren.” Ein wichtiger Punkt, da über die traditionellen Events beinahe immer das gleiche Publikum angesprochen wird. “Am nächsten Wochenende veranstalten wir zum Beispiel “Brüggen Klassik”, ein Pop-Rock-Event mit klassischen Elementen. Das wird alles ein bisschen hochwertiger sein. Neben Pommes werden dann auch der Lachsburger und ein paar feinere Sachen serviert. Damit holen wir dann auch Leute in den Ort, die sonst nicht gekommen wären.”

Neben diesem Ansatz sehen zahlreiche Experten auch Pop Up-Stores als geeignete Alternative, um die Situation der Kleinstädte wieder zu verbessern. Hier steht vorallem der Eventcharakter der temporären Stores im Mittelpunkt, der den Besuchern ein ganz besonderes Erlebnis verspricht. Ein Ansatz mit dem nicht nur Kunden aus der eigenen Stadt, sondern auch aus dem Umland angelockt werden sollen. Ein gutes Beispiel ist bei dieser Idee die Stadt Altena. Im Jahr 2014 stellte die Stadt zahlreiche Ladenflächen für Pop Up-Stores zur Verfügung. Zusätzlich lud sie verschiedene Labels und Künstler ein ihre Produkte und Darbietungen in der Kleinstadt dem Publikum zu präsentieren. Eine geniale Idee, wie sich schnell herausstellte. Auch aus dem Umland besuchten viele Menschen die Stadt, um die Events und Shops in Augenschein zu nehmen. Schnell erlangte die Stadt auch überregional durch dieses Projekt große Bekanntheit. Seitdem halten immer wieder spannende Pop Up-Stores Einzug in die kleine Stadt und auch für dauerhafte Händler wurde Altena als Standort wieder interessant. Diesen Effekt konnte man auch schon bei anderen Pop Up-Projekten beobachten. Neben der temporären Wirkung lässt sich oft auch ein nachhaltiger Effekt erkennen. So lässt sich die Bekanntheit einer Stadt oder eines Standortes mithilfe von spannenden und außergewöhnlichen Pop Up-Projekten problemlos steigern.

Neben den Städten versuchen aber auch die Einzelhändler selbst auf die problematische Entwicklung zu reagieren. Durch Spezialisierungen auf konkrete Kundengruppen und Produkte nutzen sie einen weiteren aktuellen Trend, um ihr Überleben zu sichern. So will eine Großzahl der Kunden nicht mehr, wie vor einigen Jahren noch, einfach in ein Kaufhaus hineinspazieren und dort alle Produkte kaufen, die sie benötigen. Viel mehr sind sie auf der Suche nach Läden, die konkret auf ihre individuellen Bedürfnisse spezialisiert sind. Dieser Trend ist darauf zurückzuführen, dass inzwischen das Produkt und seine Qualität eine wichtige Rolle für die Kunden einnimmt. Bei Kleidung beispielsweise geht es für viele Kunden nicht mehr darum einkaufen zu gehen, um möglichst viele neue Produkte zu kaufen. Sie achten darauf, woher das Produkt stammt, ob es nachhaltig produziert wurde und ob es den Qualitätsansprüchen genügt. Natürlich spielt hier auch der Preis eine Rolle, allerdings eine deutlich untergeordnetere als noch vor einigen Jahren. So schaffen es spezialisierte Shops deutlich besser die Kunden individuell zu beraten, als es große Warenhäuser schaffen. Dort geht es vorallem darum die Bedürfnisse möglichst vieler Kunden zu befriedigen, wodurch die individuellen Wünsche dieser oft auf der Strecke bleiben.

Abschließend ist zu sagen, dass die Ansätze gegen den Leerstand extrem vielfältig sind. Regelmäßig entstehen neue Ideen, die der Entwicklung des wachsenden Leerstandes entgegenwirken sollen. Jedoch ist es für einige Städte bereits beinahe zu spät. “Wenn einmal ein durchgängiger Leerstand eintritt und die Stadt ein Image der geschlossenen Ladentüren bekommt, dann wird es umso schwerer.” schließt Guido Schmidt zusammen. Es gilt also dem Leerstand so früh wie möglich den Kampf anzusagen und mit professioneller Hilfe individuelle Strategien zu entwickeln, um die Innenstädte wiederzubeleben und neue Kunden anzulocken.